Motala Ceesay hat einen Job / Südkurier

8. August 2015
Phillipp Künz
Die Singener Bäckerei Künz versucht ihren Fachkräftemangel mit einem jungen Asylbewerber zu beheben. Das könnte auch ein Weg für andere Handwerksbetriebe sein. Das Experiment startete am 1. August

9982973_1_IK68L08S_C

Zwei Jahre lang hat der Singener Bäcker Günter Künz vergeblich nach einem neuen Auszubildenden in seinem Betrieb gesucht. Jetzt gehen der Bäckermeister und sein Sohn Philipp Künz neue Wege. Seit 1. August haben sie in ihrer Backstube in der Scheffelstraße Verstärkung durch Motala Ceesay. Der junge Mann kam vor einem Jahr als Flüchtling aus Gambia. Er lebt heute in der Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber in Singen.

Auf sein Schicksal angesprochen, verfinstert sich seine Miene. Der Schrecken sitzt noch zu tief. In dürren Worten schildert er, dass der Vater, ein Landwirt, politisch verfolgt und getötet wurde. Seine ganze Familie sei in Sippenhaft genommen worden. Auch Motala Ceesay geriet ins Fadenkreuz der Verfolger. So blieb für den 21-Jährigen nur noch die Flucht. Über Barcelona und München kam er nach Singen. Der Asylantrag ist gestellt, die Aufenthaltsgestattung erteilt. Sie schützt Motala Ceesay vor der Abschiebung. Nun wartet er auf seine Aufenthaltserlaubnis.

Doch warten allein ist nicht sein Ding. Motala Ceesay besuchte die „Vorbereitungsklasse Arbeit und Beruf ohne Deutschkenntnisse“ (Vabo) am Berufschulzentrum in Radolfzell. Schnell wurde er einer der besten Schüler. „Er versteht alles“, sagt Schulsozialarbeiterin Selma Schabana, die den jungen Mann im Auftrag des Landkreises betreut. „Er ist hochintelligent, saugt alles auf und fragt nach.“ Das bestätigt auch Philipp Künz. Ceesay durfte in seiner Backstube ein Praktikum absolvieren und hat den Bäckermeister mit seiner schnellen Auffassungsgabe verblüfft. „Motala arbeitet mit mir am Ofen“, erzählt Künz. „Man muss ihm Abläufe nur einmal erklären, die andere nach dem zehnten Mal noch nicht begreifen.“ Deshalb hat sich Künz jetzt bereiterklärt, den jungen Mann zum Bäcker auszubilden. Künz baut auf den Ehrgeiz seines frischen Azubis. „Ich wollte schon immer Bäcker werden“, sagt der.

Die Bäckerschule in Donaueschingen wird für ihn trotzdem kein Zuckerschlecken, weil er noch besser Deutsch lernen muss. Dafür gibt ihm Philipp Künz nach vertraglicher Absprache mit Selma Schabana sieben Stunden pro Woche frei. Das Bahnticket zur Bäckerfachschule nach Donaueschingen stellt er ihm obendrein. Künz hat ein veritables Interesse daran, dass sein neuer Lehrling den Abschluss schafft. Das könnte zumindest bei ihm den Fachkräftemangel stoppen.

Alle Vabo-Schüler müssen ein Praktikum absolvieren. Selma Schabana und ihre Kollegen versuchen, für jeden den richtigen Betrieb zu finden. Alle seien sehr motiviert und pünktlich, berichtet sie. Doch am Ende scheitere der Weg in die Ausbildung immer an der Sprache. Ohne die sei die Berufschule nicht zu meistern.

Elf Vabo-Klassen mit je 13 bis 16 Schülern gibt es ab dem neuen Schuljahr in den Landkreisgemeinden. Je nach Flüchtlingszustrom können es mehr werden. Junge Menschen wie Motala Ceesay sind für das Handwerk in der Region mit Fachkräftemangel ein Lichtblick. So sieht es jedenfalls der Konstanzer Sozialdezernent, Axel Gossner. „Wir hoffen, dass dieser Fall in den Handwerksbetrieben Nachahmer findet“, sagt er und ist dafür bereit, die Residenzpflicht der Asylbewerber in solchen Fällen zu lockern. Denn eigentlich müssen diese 24 Monate in der Gesamtunterkunft wohnen, bevor sie umverteilt werden. Doch dort kommen sie wegen der dichten Belegung kaum zur Ruhe und zum Lernen. Deshalb möchte Motala ausziehen.

Quelle: Südkurier Online